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Saisonstart

 

Neun Uhr dreißig, Nieselregen. 

Dicke Suppe an der Kaikante, die Kofferkarawane rollt wieder. 

Reiselustige verstopfen fröhlich die Radwege, verklumpen an der Ampel zu einem Knäuel in bunter Funktionskleidung, ziehen im Gänsemarsch die blaue Linie entlang, werden aus dem Weg geklingelt, gerempelt, rette sich wer kann.  

Mein Fahrrad fährt Slalom, findet fast schon von allein die Lücken zwischen Beinen und Koffern, weicht ausgestreckten Armen aus - oh kuck mal Gerda wie RIESIG das Schiff ist! - und bringt mich zur Aussichtsplattform am Terminal. 

Ich klettere die Treppe hoch und bestaune für fünf Minuten den Mikrokosmos an der Pier. 

Palettenweise Essen und Trinken wandert in die Ladeluken, Grauwasser fließt vom Schiff in die Filtrierungsleitungen, tausende Megawatt Landstrom jagen durch armdicke Kabel und halten den Laden während der Liegezeit am Laufen. Die Pier wird zum Operationstisch, an dem das Schiff versorgt wird, durch Schläuche, Leitungen und wimmelnde Ameisenmenschen, die nach sorgfältig komponierter Choreografie ihre Handgriffe verrichten. 

Die ersten Koffer werden aufgegabelt und an Deck gehievt. Crewmitglieder eilen von Bord, schnell einkaufen und telefonieren gegen das Heimweh*.

 

Die Schlange vor dem Terminal wächst, in den Gesichtern rangelt die Vorfreude mit Müdigkeit, man ist schließlich durch die halbe Republik gerollt, und dann die Bahnstreiks, fragen Sie nicht.

Ah, Sie haben auf dem Vorschiff gebucht, ja, tolle Aussicht, aber ist auch viel Wind, nicht?

Und ich denk so: Ja, und du kriegst jede Welle mit, die Ostsee ist weiter draußen nicht so brav, wie sie hier im Hafen tut.    

 

Ich muss weiter, die Arbeit ruft und ich schummele fix ein bisschen Fernweh in einen der vorbei ratternden Koffer. 

 

 

 

 

*z.B. in der Seafarers Lounge der Seemannsmission Kiel

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